Die Verleihung:

„CouLe“-Preis für couragierte Lesben an Politologin María do Mar Castro Varela

Am 21. Mai wurde in Bochum der neue Preis für couragierte Lesben „CouLe“ der Landesarbeitsgemeinschaft Lesben in NRW e.V. an die Wissenschaftlerin Prof. Dr. María do Mar Castro Varela verliehen. Die Berliner Professorin setzt sich mit ihrer Forschung besonders für die Rechte von lesbischen Frauen mit Migrations- und Rassismuserfahrung ein.

„CouLe – Preis für couragierte Lesben“: Unter diesem Namen startete die LAG Lesben in NRW 2017 ihre Neukonzeptionierung des vorherigen Augspurg-Heymann-Preises. Vor rund 140 geladenen Gästen nahm am Sonntag die Politologin Prof. Dr. María do Mar Castro Varela die Auszeichnung im Bochumer Jahrhunderthaus in Empfang. Mit der CouLe möchte die LAG Lesben Frauen öffentlich würdigen, die in ihren jeweiligen Tätigkeitsfeldern engagiert für die Interessen von Lesben und gegen Diskriminierung eintreten.

„Der Name mag sich geändert haben, Zielsetzung und Absicht sind aber dieselbe geblieben“, knüpfte Moderatorin Dr. Ann-Marie Krewer die Verbindung zwischen altem und neuem Preis und führte die Vision bis zu Adorno fort: „Zu erreichen, dass wir alle ohne Angst verschieden sein können.“
Staatssekretärin Martina Hoffmann-Badache vom NRW-Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter betonte in ihrem Grußwort die Notwendigkeit von „Vorbildern und Vorkämpferinnen für eine offene Gesellschaft, in der Vielfalt als Bereicherung erkannt wird.“ Sie würdigte die politischen Anstrengungen der letzten Jahre. Dass es in unserer Gesellschaft dennoch so viele Vorurteile gibt, liege auch daran, so Hoffmann-Badache, „dass es an Wissen über queeres Leben fehlt.“

Dieses Wissen zu vermitteln, darin sieht die diesjährige CouLe-Preisträgerin ihre wichtigste Aufgabe. Dabei müssten wir alle, auch die Community selbst, „insbesondere die im Blick haben, die maximal verletzlich sind“, so Castro Varela. „Leid und Schmerz müssen Teil dessen werden, das wir versuchen zu verstehen und zu verändern.“

Laudatorin Gema Rodriguez Diaz von der Integrationsagentur im Kölner rubicon erklärte: „María do Mar Castro Varela war eine der Ersten, die im Thema Antirassismus-Training und Empowerment gearbeitet hat. Ihre wissenschaftlichen Arbeiten haben die Frauen- und Geschlechterforschung, die Queer Studies, die postkoloniale Theorie und die Rassismusforschung entscheidend geprägt.“ Viele dächten von ihr als eine „queer-feministische Superheldin“, so Rodriguez Diaz. Sie selbst würdigte die Preisträgerin als „präzise und analytisch denkende“ Frau „von messerscharfem Intellekt, Offenheit, Neugierde und Bereitschaft zur Auseinandersetzung auf Augenhöhe.“ Besonders hob sie die Wirkmacht von Castro Varelas Arbeiten hervor: „Wer ihre Texte liest, denkt danach anders. Ihre Texte, Vorträge und Seminare regen dazu an, Privilegien zu reflektieren, aber auch nicht dabei stehen zu bleiben, sondern aktiv zu werden, queere Utopien zu entwickeln und Allianzen und Bündnisse zu schließen, die Grenzen überwinden.“

„Denn wer nur in homogenen Zusammenhängen lebt, kann nichts verändern. Oder anders gesagt: Wer radikal sein will, muss in der Lage sein, eine Krawatte zu tragen.“

Eben diese Bündnisse stellte auch María do Mar Castro Varela selbst ganz nach oben auf die Dringlichkeitsskala. Als sie die Auszeichnung entgegennahm, rief sie dazu auf: „Allianzen zu bilden – auch mit Menschen, die wir nicht mögen!“ Sie erklärte, ihre Situation erlaube ihr, dass sie stets „die volle Verantwortung annehme und Dinge sage, die viele Menschen nicht so cool finden.“ Dabei dennoch auf eine gemeinsame Ebene zu finden, darauf komme es in Umbruchzeiten wie diesen aber am allermeisten an. „Denn wer nur in homogenen Zusammenhängen lebt, kann nichts verändern. Oder anders gesagt: Wer radikal sein will, muss in der Lage sein, eine Krawatte zu tragen.“ Anhaltender Applaus bestätigte die Bereitschaft der Anwesenden, diese Herausforderung anzunehmen.

Die CouLe-Skulptur in ihrer neuen Form aus Metall hat die Künstlerin Regine Rostalski aus Nordkirchen geschaffen. Form und Material spiegeln „Verletzlichkeit und Widerständigkeit gleichermaßen“, wie es bei einem offenen Gespräch der CouLe-Jury auf der Bühne hieß. Sie reflektiert die herausragenden Leistungen der bereits Ausgezeichneten ebenso, wie sie weitere lesbische Vorbilder ehrt.

Die CouLe steht für lesbischen Mut und Sichtbarkeit, als ein Zeichen für Vielfalt, Menschlichkeit und eine offene Gesellschaft. Sehr bewusst wurde mit María do Mar Castro Varela in diesem Jahr ein komplex und politisch denkendes Vorbild geehrt. Eva Kulot vom Vorstand der LAG Lesben in NRW: „Gerade in regressiven Zeiten eines erstarkenden Rechtspopulismus gilt es sichtbar zu sein: Je mehr wir auf uns aufmerksam machen und je mehr Mut wir zeigen, desto stärker werden wir als eine wirkungsvolle Kraft wahrgenommen!“

Fotos: Elke Vahle

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Im Hintergrund von links nach rechts: Dr. Ann Marie Krewer, Antje-Marie Kühn, Staatssekrätarin Hoffmann-Badache, Regine Rostalski, Dorothee Mülder, Prof’in María do Mar Castro Varela, Dr. Ute Zimmermann, Gema Rodriguez Diaz, Gabriele Bischoff, Daya Holzhauser, Eva Kulot, Inge Landmann Im Vordergrund: Biriba Brasil de Bochum, die mit kämpferischen Tanzeinlagen für Schwung sorgten
Fotos: Elke Vahle

Laudatio

Gema Rodriguez Diaz von der Integrationsagentur im Kölner rubicon

Sehr geehrte Menschen, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleg_innen und Freund_innen,

„CouLe. Preis für Couragierte Lesben“ ist die neue Auszeichnung, die lesbische Vielfalt im Mittelpunkt stellen wird. In der Vergangenheit hatte die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Lesben in NRW e.V. sich zum Ziel gesetzt, über Vernetzung, über gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit, politisches Engagement und fachliche Aktivitäten zur positiven besetzter Sichtbarkeit von Lesben im öffentlichen Raum beizutragen, aktiv der Diskriminierung von Minderheiten entgegenzuwirken. Die LAG hat damit lesbisch lebenden Frauen Mut gemacht. Mit der neuen Konzipierung des Preises fängt eine neue Etappe an, in der selbstbewusst Rassismus und herrschende Heteronormativität entgegentreten wird.
Es ist mir eine Ehre heute hier Teil dieses neuen Anfangs zu sein und noch mehr, eine Frau zu ehren, die alles verkörpert was dieser neue politische Weg sein kann: Professorin Dr. María do Mar Castro Varela.

Als Gabriele Bischoff mich gefragt hatte, ob ich die Laudatio für María do Mar Castro Varela bei der ersten Verleihung des CouLe Preises halten würde, war mir gar nicht klar, was für eine große Ehre und gleichzeitig, was für eine große Aufgabe ich mir vorgenommen hatte. Als ich das Telefonat mit Gabriele beendet hatte, habe ich mehrere Gedanken dazu gehabt… dabei hat sich ein Gedanke immer wiederholt: er basiert auf dem subjektiven Gefühl unterschiedlicher Diskriminierung über die Jahre, Unsicherheit und Verletzung. Ich habe das Gefühl mal bin ich die Profimigrantin, mal die Profilesbe und in keiner dieser Schubladen fühle ich mich wohl. Diese Kategoriengedanken hat María do Mar abgelehnt, aber sie wusste auch, um die Bedeutung von Schubladen, wenn es um den politischen Kampf geht. Das hat sie in einem Interview deutlich gemacht, das Ihnen allen sicher bekannt sein wird. Sie hat diesen Gedanken auch in ihren verschiedenen Positionspapieren und ihrer Arbeit fortgeführt. Heute bekommt sie die CouLe als couragierte Lesbe… als Frau mit Migrationsgeschichte… würde man heute so schön sagen.
Bis vor ein paar Wochen dachte ich an das Paradox des Preises, wenn jemand wie María do Mar ihn bekommt. Angesichts des Wahlausgangs in NRW und dem anstehenden Regierungswechsel erscheint dieser Preis mir keineswegs ironisch, in Bezug auf die Schubladen, sondern hochpolitisch.
Aber Schubladen und Zuschreibungen beiseite… Ich habe überlegt wer besser als ich etwas über María do Mar sagen und diese Erfahrungen mit uns teilen könnte. Wer könnte ihre Arbeit würdigen und gleichzeitig die Person. Wer könnte eine persönliche Laudatio halten und die Arbeit würdigen. Es müssten Personen sein, die sowohl sehr mit ihrer Arbeit vertraut sind, als auch María persönlich gut kennen.

Da habe ich direkt an Behshid Najafi gedacht, von agisra e.V. in Köln. Eine Beratungsstelle für Migrant_innen und Geflüchtete Frauen. Von ihr habe ich zum ersten Mal den Name María do Mar Castro Varela gehört, als ich 2011 Praktikantin bei agisra e.V. war.
Als ich Behshid wegen der Laudatio über Maria do Mar fragte, erzählte sie mir von einem Kongress 1994 in Bonn „Unterschiede Netzen, unterschiede nutzen“… María do Mar war eine der Ersten, die im Thema Antirassismus Training und Empowerment gearbeitet hatte. Damals bekam sie einen Auftrag von agisra und daraus entstand das Buch „Raus aus der Opferrolle“, was ich auch 2011 von Behshid bekam (und das leider in meinem letzten Umzug verloren gegangen ist… oder evtl. meine Ex hat).
Behshid betonte auch in unserem Gespräch María do Mar sei sympathisch, freundlich und sehr präzise und analytisch in ihrer Arbeit. Die nächste Frau, die mir über María do Mar etwas erzählt hat, ist María Virginia Gonzales Romero. Sie kennt Maria seit vielen vielen Jahren. „Sie war damals noch freiberuflich tätig und trotz Abhängigkeit von Geld und Auftrag immer klar und deutlich in ihren Gedanken und sehr engagiert. Sie hatte immer an alle verschiedenen Diskriminierungsmerkmale gedacht und hat nie vergessen, dass sie aus der Arbeiter_inklasse kommt.
Ihre Art, klar zu diskutieren und gesellschaftspolitische Impulse zu setzen, hat sie als Professorin beibehalten. María Virginia nennt sie „ein Vorbild für mich und viele Migrant_innen. Sie ist ironisch und sehr analytisch und wenn sie einen Vortrag hält, fühle ich mich als ob sie aus meiner Seele und aus der Seele von vielen Frauen, die Rassismus erfahren, gelesen hätte“.
María Virginia ist außerdem die Person, die María do Mar im Rahmen des Dossiers „Inklusiv, offen und gerecht? Deutschlands lange Weg zur eine Willkommenskultur“ interviewt hat. Dieses Interview ist auch im Buch „Gespräche über Rassismus. Perspektive und Wiederstände“ von Zülfukar Cetin und Savas Tas abgedruckt (und war 2013 seiner Zeit fast schon voraus).

Die nächste Frau die ich befragte, ist eine sehr engagierte queer Feministin, die die Arbeit von María do Mar aus ihrer Studienzeit sehr gut kennt. Sarah Dionisius ist meine Kollegin im rubicon e.V. und ich zitiere sie am besten, denn in meinem Deutsch könnte ich es nicht treffender und schöner sagen:“María do Mar Castro Varela ist eine kritische und engagierte Frau. Ihre wissenschaftlichen Arbeiten haben die Frauen- und Geschlechterforschung, die Queer Studies, die postkoloniale Theorie und die Rassismusforschung entscheidend geprägt. Wer ihre Texte liest, denkt danach anders. Sie verändert den Blick auf die Welt, indem sie Machtverhältnisse aufzeigt, sie ist präzise und analytisch. Ihre Texte, Vorträge und Seminare regen dazu an, Privilegien zu reflektieren, aber auch nicht dabei stehen zu bleiben, sondern aktiv zu werden, queere Utopien zu entwickeln und Allianzen und Bündnisse untereinander zu schließen, die Grenzen überwinden. Auch wenn ihr jede Festlegung zuwider ist – so ist sie für viele eine queer-feministische Superheldin – eine, die nicht etwa auf einem Sockel steht, sondern natürlich immer in Bewegung ist.“

Die letzte Frau, die mir dabei geholfen hat die richtige Worte für María do Mar zu finden ist jemand, der sie sehr gut kennt und die auch sehr intensiv mit Maria do Mar in der Arbeit über Mehrfachdiskriminierung zusammen gearbeitet hat. Saideh Saadat-Lendle. Sie traf María do Mar zum ersten Mal auf einer Fachveranstaltung, in der um die Verbindung von Rassismus und Sexismus im kolonialen und postkolonialen Kontext ging. „Ich kannte María nicht, war etwas früher da und suchte mit meinem Blick nach ihr. Die einzige anwesende, mir nicht bekannte Person im Raum kam mir zunächst eher wie eine Praktikant_ in dem Verein, in dem wir getroffen haben, vor. Eine eher zurückhaltende, neugierige, freundliche Frau. Ihre Augen schienen mir die Augen einer immer Suchenden zu sein, die Interesse an und eine Offenheit für alles Neue im Raum ausstrahlte. Eine, die eher etwas mitnehmen wollte, als den Drang zu haben, Andere zu belehren. Es waren nicht Augen einer Professorin, wie ich sie von anderen Professor_innen kannte. Sie gehörten aber zur Maria!“
Und da sind sich alle vier Frauen, die ich für diese Laudation befragte, einig: was María do Mar neben messerscharfem Intellekt ausmacht, das sind Offenheit, Neugierde, Bereitschaft zur Auseinandersetzung auf gleicher Augenhöhe und ihre klugen, wachen, klaren, in die Breite und Tiefe gut überlegten Gedanken.
„Eine weitere wunderbare Eigenschaft von María ist ihr Humor und ihre Fähigkeit zur entlarvenden Ironie“ sagt Saideh. „Auch die schlimmsten diskriminierenden Situationen, Gedanken und Haltungen vermag sie humorvoll und dabei aber zugleich treffend bitter und deutlich zu thematisieren, dass die Menschen, die Verantwortung für solche Situationen tragen, eher zur Nachdenklichkeit angeregt, als beschämt zu werden und dass die Menschen, die darunter leiden, sich empowert fühlen können, statt von Neuem unterdrückt. Und noch etwas macht die Preisträgerin der ersten CouLe aus: sie verknüpft auf höchsten Niveau Aktivismus, Forschung und Wissenschaft. Für sie gehören engagierte soziale Forschung und engagierte sozialer Arbeit unbedingt zusammen.
Aus den Erzählungen der 4 unterschiedlichen Zeug_innen des Wirkens von María do Mar können wir uns in das Arbeitsleben einer forschenden Kämpferin versetzen, die sich für eine diskriminierungs- und rassismusarme Gesellschaft einsetzt und alte Denkmuster auflösen will. Sie fordert uns heraus, um die seit Jahrhunderten etablierte Strukturen von Macht und Gewalt aufzubrechen. Wenn wir uns jetzt einmal im Raum umschauen, wird uns noch etwas deutlich: hier sitzt eine Mehrheit weißer privilegierter Frauen. Nutzen wir das, was wir von María do Mar lernen können, um uns unserer Privilegien bewusst zu werden und unsererseits Strukturen zu hinterfragen und aufzubrechen.

Ich möchte hier mich sehr herzlich bei den 4 Frauen bedanken, die mir geholfen haben, die richtigen Worte für unsere Preisträgerin zu finden. Für sie und für mich ganz besonders ist heute eine große Ehre den ersten CouLe Preis an Frau Professorin Dr. María do Mar Castro Varela einzureichen.
Wir freuen uns darauf, noch mehr von ihr zu lesen, zu hören, zu sehen… wir wollen gemeinsam eine Gesellschaft gestalten, die Rassismus, Sexismus und Heteronormativität entschieden entgegen tritt.

María do Mar… danke für die Inspiration… y mi más sincera enhorabuena.
Meine Damen und Herren eine große Applaus für die Preisträgerin der Coule 2017 Frau Professorin María do Mar Castro Varela.

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Dank an die Unterstützer*innen